“i feel like taking a life” oder Landleben hinter den Kulissen

Rike kommt aus der Dunkelheit des Stalles mit einer ruhig auf ihrem Arm sitzenden Gans. Ich nehme sie ihr ab und schließe das Tier in meine Arme. Es ist ganz ruhig. Mit der linken Hand umschließe ich den Körper des Tieres, meine rechte Hand umfasst leicht den Hals. Dann gehe ich den Schritt bis zur Hackklotz, beuge mich hinunter und lege den Hals der Gans lang ausgestreckt auf denselben. Thomas umfasst den Kopf. Er holt aus. Da ich hinter ihm stehe verdecken sein Körper und die Dunkelheit den Blick auf den Hackklotz und den Hals des Tieres. Zwei unmittelbar aufeinander folgende Schläge mit dem Fleischerbeil später hält Thomas den Kopf der Gans mit einem Stück Hals daran in der Hand und lässt denselben in einen Eimer vor dem Hackklotz fallen. Ich habe noch immer die Gans im Arm. Wie aus einem abgedrehten Gartenschlauch tröpfelt das Blut erst stärker dann immer weniger werdend aus dem Hals des Vogels. Noch ist Spannung im Körper des Tieres, ich meine, den Herzschlag zu spüren. Noch wehrt sich der Leib gegen das Gehalten werden. Ich beruhige die kopflose Kreatur, gleich habe sie es geschafft. Gleich sei alles friedvoll. Da merke ich wie eine alle Muskeln erfassende Spannung das Tier schüttelt – dann ist alles still. Da kommt auch schon der nächste Vogel zum Hackklotz und ich trete beiseite. Äußerlich ruhig und innerlich ruhig gestellt durch eine Art Schock angesichts des gerade zu Ende gegangenen lebendigen Seins der Gans laufe ich zum Wohnhaus. Bin nicht sicher, ob ich sie nun an den Flügelansätzen packe, wie ich es schon am Tage auf der Dorfstraße bei lebendigen Viechern sah. Oder doch lieber an den Füßen, wie ich es hier gerade gesehen hatte? Der noch immer flatternde kopflose Gänseleib in meinem Arm beantwortet die Frage: Loslassen ist mir zu riskant.
Ich halte Dich in meinem Arm, betrete den Raum mit mülltütenüberzogenen Tischen. Hier soll ich Dich also von Deinem Federkleid freirupfen? Schwer fällt Dein Leib auf die Tischfläche. Die noch lebendigen Nerven lassen ihn unkoordiniert zappeln. So kann ich Dich nicht rupfen, bitte lieg doch still, flehe ich innerlich. Nach und nach betreten mehr und mehr Menschen mit kopflosen Gänseleibern den Raum. Blutspritzer. Das Rupfen tut sich leicht an Deinem warmen Leib. Ich soll nun darauf achten, dass ich erst Dir die Oberfedern herausrupfe, dann Deine Daunen. Na dann. Das machst Du mir nicht schwer. Ich beginne mit Deinen Flügeln, die Du so platzsparend am Körper trägst. Hier sind Deine riesigen Schwungfedern. Schön sind die. Nun kann ich Deine Anatomie sehr genau betrachten. Auf Deinem Bauch sind kürzere Federn, Deinen Rücken bedecken wieder längere Federn. Das blutet gar nicht, wenn ich Deine Federn herausziehe. Am Schwanz hast du schöne weiße Federn. Als ich leidlich alle Deckfedern entfernt habe, bedeckt Deinen Leib ein weicher, warmer Flaum aus Daunen. Auf den sind sie hier scharf, weißt Du? Im Raum stehen inzwischen 10 Leute und rupfen und reden und betrachten ihre Gänse. Überall flattern Eure Federn umher und einige kleben an mir fest. Und zu guter Letzt scheißt Du auch noch auf den Tisch. Unfein, meine Liebe. Dann bist Du nackt, siehst schon fast aus wie ein bratfertiger Vogel. Deine Haut ist noch warm, ein gelbliches Rosa, irgendwie wächsern fühlt sie sich an. Dein Hals ist eine Wunde, ein Loch, blutverschmiert hängt er schlapp herunter. Eine Stunde hat das Rupfen gedauert und nun streckst Du Dich ganz lang und steif. Deine Füße kann ich jetzt nicht mehr beugen. Ahnst Du, was nun kommt? Draußen wartet nämlich ein Gasbrenner mit dem ich Dir den Rest Deines Flaums abbrennen werde. Ich habe mir das nicht ausgesucht und versuche diese Aufgabe an den Menschen vor mir abzugeben. Aber es hilft nichts. So tanzt die Flamme über Deinen Körper und sengt alle Federreste ab. Schöner wirst Du dadurch nicht, ganz ehrlich und es riecht nach verkohltem Fleisch. Unter einer funzligen Außenbeleuchtung steht ein Tisch, an dem sich drei Männer über ihre Gänse beugen. Einer von ihnen ist Chirurg! Ich trage Dich dorthin, denn ich soll Dich nun ausnehmen. Es nieselt inzwischen und mir ist kalt. Das macht mich ungeduldig und ich nerve die Kerle mit meinen Fragen zum Verfahren des Ausnehmens. Widerwillig werde ich informiert, ich solle einfach unter dem Brustkorb Deinen Bauch aufschneiden. Na dann. Das tue ich. Durchtrenne Deine Haut, durchteile das, was Dein Inneres bisher vom Außen beschützt hielt. Im Eifer setze ich den Schnitt falsch und Bewegung kommt an den Tisch. Nun heißt es, schnell handeln. Der Chirurg sagt ich solle einfach mit der Hand in Deinen Bauch hinein gehen und alles, was sich darin befindet herausziehen. Jegliche Widerstände solle ich einfach durchtrennen. Dein Inneres ist tatsächlich ein kompaktes Gewebe. Dein Darm, Herz, Leber, Magen – alles da in einem Paket. Wie praktisch das bei Dir ist. Und dann bist Du leer.Warm wasche ich Dich ab von innen und außen. Jetzt bist Du ein Weihnachtsbraten und ich gebe Dich her.

Das ist streitbar, aber ich bewerte es für mein Leben und meinen Erfahrungsschatz als einen unentbehrlichen “Erlebens – Baustein”, Leben zu beenden. So formulierte ich meine Motivation aufs Land zu fahren und beim Schlachten von Weihnachtsgänsen zu helfen. Ja, das ist der postmoderne, urbane, individualisierte Selbsterfahrungshunger einer sinnlich unterstimulierten Akademikerin – so weit reicht die Selbstreflexion. Wenn eine nichts mehr kickt, dann muss es um Leben oder Tod gehen. Aber anders betrachtet: es scheint das Natürlichste, das Nutztiere gehalten und gebraucht werden. Sollen sie gespeist werden, müssen sie vorher sterben.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reisebericht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s