Erster Teil:
Gerade Kaffeepause in der Bib gemacht und auf dem Weg zurück durch schwungvolles aktives Vorbeigehen an einem Kommilitonen dessen Espresso ins Foyer verteilt. Ich entschuldigte mich und war sofort hin und her gerissen, zwischen achtlos weitergehen und ihm einen neuen Espresso kaufen. Ich habe Zweiteres getan. Schließlich würde auch ich mich darüber freuen.
Zweiter Teil:
Als es noch viel, viel kälter war in Berlin, aber schon in diesem Jahr, fand ich in den frühen Morgenstunden ein Mobiltelefon an einer Tramhaltestelle in Berlin. War so ein ganz schniekes Teil, wo es keine Tasten mehr gibt, sondern alle Eingaben per „touch screen“ -Funktion, also via berühren des großen Displays gemacht werden. Das Telefon war noch an und nicht Passwort geschützt. Einerseits war es auf diese Art und Weise möglich, die Mutter der/des Eigentümer/in zu kontaktieren. Andererseits lag ein großer Teil ihres Privatlebens, vermittelt durch Bilder und Kurznachrichten nun in meiner Hand. Ich hätte alle männlichen Kontakte, welche eindeutige und sehnsüchtige Nachrichten geschrieben hatten über die Existanz der Nebenbuhler informieren können. Oder ich hätte der besten Freundin sagen können, dass sie sich nun endlich mal zwischen ihrem Freund und der besten Freundin entscheiden solle. Am besten indem sie dem Klammeraffen von Macker endlich mal den Laufpass gibt.
Jedenfalls fühlte ich mich ein bisschen wie Gott/Göttin in L.s Leben. Am Ende war ich zwar sehr neugierig, aber skrupelhaft genug, L. das Telefon wieder zu geben. Als ich meinen eigenen Samstagnachtrausch ausgeschlafen hattem kontaktierte ich L.s Mutter in einer Kleinstadt in MV. Später meldete sich L. selbst auf ihrem Telefon und wir verabredeteten für den selben Tag eine Übergabe des Telefons. Natürlich versprach sie mir einen Finderlohn und natürlich gab ich ihr das Telefon, ohne den je bekommen zu haben. Denn sie war ja (Zitat:) „eine arme Studentin“ und klimperte mich so charmant mit ihren braunen Augen an und strahlte über ihr glitzerbepudertes Gesicht als ich ihr ihr Telefon wiedergab.
Aber verdammt: Bin ich keine „arme Studentin“ und ehrlich genug, ein Telefon der rechtmäßigen Besitzerin zurückzugeben, dass ich dafür nicht wenigstens symbolisch anerkannt werden könnte? Ich ärgere mich so, dass ich es nie gelernt habe, ein Arschloch zu sein und den Menschen, von dem ich es hätte lernen können, in die Wüste geschickt habe. Und gleichzeitig hoffe ich, dass es mehr Menschen da draußen gibt, die keine Arschlöcher sind und ich bin froh, dass ich den einzigen Menschen, von dem ich das Arschloch sein hätte lernen können, in die Wüste geschickt habe.
It just feels better.
Dritter Teil:
Weil heute Frauentag ist, habe ich H. eine blaue Blume gekauft. Widersinnig, aber romantisch.
Gutmenschentum tun…
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ja, dich…
„Hab grad nur für dich gesungen! Und ich war gut.“ Niemals hätte ich am Anfang dieses Jahres einem Menschen geglaubt, wenn er oder sie mir verkündet hätte, dass ich in nur wenigen Wochen eine SMS oben genannten Inhalts bekommen würde. Während ich Ende 2009 den emotionalen Trümmerhaufen der Beziehung zu S. aus jeglicher Perspektive betrachtet und analysiert hatte. Jedes Teil fotografiert, numeriert, kartografiert und katalogisiert hatte. Den Haufen aus Gefühlscherben umlaufen, durchquert, bestiegen, vermessen hatte. Endlich zu dem Ergebnis: „Ach Sch**ß drauf! Weg damit, und was draus lernen!“ gekommen war: Sollte 2010 ganz gepflegt und entspannt als Singlette beginnen. Ich wollte mit mir allein sein. Wenigstens bis zum Frühling! Das nötige Netzwerk aus sozialen Kontakten hatte ich mir im Laufe der ersten Winterhälfte schon geflochten…besonders die Sonntagabende bei „Tatort-Gabi“ sind mir ans Herz gewachsen. Merke: Wer Singlette bleiben will, sollte nicht „daten“. Denn „daten“ schafft die Möglichkeitsbedingungen dafür, sich zu verlieben. Ich hatte vor eineinhalb Jahren begonnen und fast zu einer Gewohnheit gemacht, diesen romantischen Affekt, basierend auf einer Überdosis Oxytoxin, abzutrainieren bzw. nicht mehr zuzulassen. Das war nicht leicht. Schließlich gab es diverse amouröse Anwandlungen meinerseits, gerichtet auf verschiedene Menschen. Meistens hab ich das mit mir allein ausgemacht (und literweise Kaffe in der Mensa mit unterschiedlichen Freundinnen drüber redend getrunken) und die Gegenseite in Unwissen, Ahnungslosigkeit und Arglosigkeit belassen. Dies stellte sich als erfolgreiche Strategie heraus. Ich war „glückliche“ Singlette, im Dauerzustand unerwiderter Zuneigung, dafür mit einer langen Telefonliste, um meine Triebe zu befrieden. An einem Punkt, an dem ich nicht damit rechnete, dass sich je ein Mensch in mich verlieben könne, angekommen, tat ich zufrieden. Das war erträglich, nicht schön. Ich hatte mich selbst und genügend Unterhaltung, wenn ich mich wieder mal verknallt hatte.
Heute habe ich gerade eine Woche der Akklimatisierung an den bisher kategorisch ausgeschlossenen Zustand (verliebt Sein) hinter mir und ich muss sagen: feels nice. Dann blicke ich auf mein kurzes Leben zurück und stelle fest: Fast 8 Jahre ist das her, dass mir dieses Glück, denn was anderes als Glück ist dies, das letzte Mal zu Teil wurde.
Ich könnte eine Anmerkung zum Verlieben in Zeiten des Internets und des Internet“datings“ machen. Aber was soll das? Ich habe hier ein „öffentliches Tagebuch“ – die Grenze zwischen realem und virtuellem Leben sind für mich längst durchlässig geworden. Und wie wirbt gleich einer der großen Player im Online“dating“business? „Liebe ist, wenn’s passt.“
Da lohnt es sich nicht, Fragen zu stellen. Einfach Kopf ausschalten und genießen. Für den passenden Soundtrack zur Geschichte HIER klicken.
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Literarisches Café feat. Shakespeare
Lysander: Demetrius liebt Hermia. Gegen diese Liebe ist er machtlos. Nur die Zeit wird dies heilen können.
Helena: Das ist nicht die Liebe zu Hermia, die er loslassen muss.
Lysander: Was sonst ist der Kern?
Helena: Demetrius Liebe zu Hermia wird bleiben. Lange. Wenn nicht gar für immer. Seine Liebe wird sich wandeln, so wie ihre Liebe im Wandel begriffen ist. Die Bewegung ist, was die Liebe am Leben erhält. Im Festhalten wollen kann seine Liebe keinen Ausdruck finden. Nur das Loslassen Hermias wird ihr Demetrius Fähigkeit, sie tief zu lieben, offenbaren können…
Lysander: Das wissen wir doch alle! Alle wissen wir’s. Und doch wissen wir es bloß! Was ist mit dem Gefühl?
Helena: … und diese neue Liebe wird so stark sein wie die Erste. Auch wenn sie nicht in Nähe ihre Gestalt finden wird.
Lysander: Ja doch. Du magst Recht haben. Dennoch, was hilft uns alle Erkenntnis da, wo es um Gefühle geht?
Helena: Womöglich ist es längst begonnen, das Befreien? Womöglich erscheint ihm dies wie Hochverrat an seiner Liebe? Wen dies nicht schmerzt, der hat kein Herz. Der nächste Schritt wär die Vergebung dieses Schnitts.
Lysander: Viele Sommer werden ins Land gehen bis er sich und ihr vergeben hat.
Helena: Nur vier.

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„i feel like taking a life“ oder Landleben hinter den Kulissen
Rike kommt aus der Dunkelheit des Stalles mit einer ruhig auf ihrem Arm sitzenden Gans. Ich nehme sie ihr ab und schließe das Tier in meine Arme. Es ist ganz ruhig. Mit der linken Hand umschließe ich den Körper des Tieres, meine rechte Hand umfasst leicht den Hals. Dann gehe ich den Schritt bis zur Hackklotz, beuge mich hinunter und lege den Hals der Gans lang ausgestreckt auf denselben. Thomas umfasst den Kopf. Er holt aus. Da ich hinter ihm stehe verdecken sein Körper und die Dunkelheit den Blick auf den Hackklotz und den Hals des Tieres. Zwei unmittelbar aufeinander folgende Schläge mit dem Fleischerbeil später hält Thomas den Kopf der Gans mit einem Stück Hals daran in der Hand und lässt denselben in einen Eimer vor dem Hackklotz fallen. Ich habe noch immer die Gans im Arm. Wie aus einem abgedrehten Gartenschlauch tröpfelt das Blut erst stärker dann immer weniger werdend aus dem Hals des Vogels. Noch ist Spannung im Körper des Tieres, ich meine, den Herzschlag zu spüren. Noch wehrt sich der Leib gegen das Gehalten werden. Ich beruhige die kopflose Kreatur, gleich habe sie es geschafft. Gleich sei alles friedvoll. Da merke ich wie eine alle Muskeln erfassende Spannung das Tier schüttelt – dann ist alles still. Da kommt auch schon der nächste Vogel zum Hackklotz und ich trete beiseite. Äußerlich ruhig und innerlich ruhig gestellt durch eine Art Schock angesichts des gerade zu Ende gegangenen lebendigen Seins der Gans laufe ich zum Wohnhaus. Bin nicht sicher, ob ich sie nun an den Flügelansätzen packe, wie ich es schon am Tage auf der Dorfstraße bei lebendigen Viechern sah. Oder doch lieber an den Füßen, wie ich es hier gerade gesehen hatte? Der noch immer flatternde kopflose Gänseleib in meinem Arm beantwortet die Frage: Loslassen ist mir zu riskant.
Ich halte Dich in meinem Arm, betrete den Raum mit mülltütenüberzogenen Tischen. Hier soll ich Dich also von Deinem Federkleid freirupfen? Schwer fällt Dein Leib auf die Tischfläche. Die noch lebendigen Nerven lassen ihn unkoordiniert zappeln. So kann ich Dich nicht rupfen, bitte lieg doch still, flehe ich innerlich. Nach und nach betreten mehr und mehr Menschen mit kopflosen Gänseleibern den Raum. Blutspritzer. Das Rupfen tut sich leicht an Deinem warmen Leib. Ich soll nun darauf achten, dass ich erst Dir die Oberfedern herausrupfe, dann Deine Daunen. Na dann. Das machst Du mir nicht schwer. Ich beginne mit Deinen Flügeln, die Du so platzsparend am Körper trägst. Hier sind Deine riesigen Schwungfedern. Schön sind die. Nun kann ich Deine Anatomie sehr genau betrachten. Auf Deinem Bauch sind kürzere Federn, Deinen Rücken bedecken wieder längere Federn. Das blutet gar nicht, wenn ich Deine Federn herausziehe. Am Schwanz hast du schöne weiße Federn. Als ich leidlich alle Deckfedern entfernt habe, bedeckt Deinen Leib ein weicher, warmer Flaum aus Daunen. Auf den sind sie hier scharf, weißt Du? Im Raum stehen inzwischen 10 Leute und rupfen und reden und betrachten ihre Gänse. Überall flattern Eure Federn umher und einige kleben an mir fest. Und zu guter Letzt scheißt Du auch noch auf den Tisch. Unfein, meine Liebe. Dann bist Du nackt, siehst schon fast aus wie ein bratfertiger Vogel. Deine Haut ist noch warm, ein gelbliches Rosa, irgendwie wächsern fühlt sie sich an. Dein Hals ist eine Wunde, ein Loch, blutverschmiert hängt er schlapp herunter. Eine Stunde hat das Rupfen gedauert und nun streckst Du Dich ganz lang und steif. Deine Füße kann ich jetzt nicht mehr beugen. Ahnst Du, was nun kommt? Draußen wartet nämlich ein Gasbrenner mit dem ich Dir den Rest Deines Flaums abbrennen werde. Ich habe mir das nicht ausgesucht und versuche diese Aufgabe an den Menschen vor mir abzugeben. Aber es hilft nichts. So tanzt die Flamme über Deinen Körper und sengt alle Federreste ab. Schöner wirst Du dadurch nicht, ganz ehrlich und es riecht nach verkohltem Fleisch. Unter einer funzligen Außenbeleuchtung steht ein Tisch, an dem sich drei Männer über ihre Gänse beugen. Einer von ihnen ist Chirurg! Ich trage Dich dorthin, denn ich soll Dich nun ausnehmen. Es nieselt inzwischen und mir ist kalt. Das macht mich ungeduldig und ich nerve die Kerle mit meinen Fragen zum Verfahren des Ausnehmens. Widerwillig werde ich informiert, ich solle einfach unter dem Brustkorb Deinen Bauch aufschneiden. Na dann. Das tue ich. Durchtrenne Deine Haut, durchteile das, was Dein Inneres bisher vom Außen beschützt hielt. Im Eifer setze ich den Schnitt falsch und Bewegung kommt an den Tisch. Nun heißt es, schnell handeln. Der Chirurg sagt ich solle einfach mit der Hand in Deinen Bauch hinein gehen und alles, was sich darin befindet herausziehen. Jegliche Widerstände solle ich einfach durchtrennen. Dein Inneres ist tatsächlich ein kompaktes Gewebe. Dein Darm, Herz, Leber, Magen – alles da in einem Paket. Wie praktisch das bei Dir ist. Und dann bist Du leer.Warm wasche ich Dich ab von innen und außen. Jetzt bist Du ein Weihnachtsbraten und ich gebe Dich her.
Das ist streitbar, aber ich bewerte es für mein Leben und meinen Erfahrungsschatz als einen unentbehrlichen „Erlebens – Baustein“, Leben zu beenden. So formulierte ich meine Motivation aufs Land zu fahren und beim Schlachten von Weihnachtsgänsen zu helfen. Ja, das ist der postmoderne, urbane, individualisierte Selbsterfahrungshunger einer sinnlich unterstimulierten Akademikerin – so weit reicht die Selbstreflexion. Wenn eine nichts mehr kickt, dann muss es um Leben oder Tod gehen. Aber anders betrachtet: es scheint das Natürlichste, das Nutztiere gehalten und gebraucht werden. Sollen sie gespeist werden, müssen sie vorher sterben.
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Traum-Mann gesucht
Ich bin ja, bekanntlich!, ein bescheidener Mensch. Als Einzelkind ist Bescheidenheit mein zweiter Vorname. Nun, jedeR weiß, dass es Tage gibt, an denen es einfach mehr Bedarf. Heute, zum Beispiel, ein Mehr an Komfort… Um 22 uhr spuckte der „Brain“, die philologische Bibliothek an der FU, die letzten Studierenden aus, wie kränkelnden Auswurf. Zurück geworfen wurden wir in die kalte feuchte wehende Unwirtlichkeit eines Berliner Herbstabends. Den Gang der Rostlaube entlang kam ein kräftig gebauter Mann – Typ Security-Personal am Supermarkt im Kiez. Einzig sein süffisantes, langsam breiter werdendes Grinsen macht mich stutzig. …? Er steuerte auf jemanden neben mir zu, also blickte ich nach rechts, wo eine Frau, blond, kleiner und zierlicher als ich, lief. Sie ihrerseits lief dem großen bärigen in die Arme. Sie umarmten sich und gaben sich einen Begrüßungskuss auf den Mund. Oooooooh, wie nett: Er holt sie aus der Uni ab. So spät am Abend, ja, was für eine fürsorgliche Geste! Ich war neidisch! Auf dem Weg zur U-Bahn klapperte ich mit den Zähnen. Warum habe ich nie solche Freunde? Ich hab ferne, viel beschäftigte, Fahrrad fahrende. Keine Alternative!
Eingeordnet unter Berlinsplitter





